Die Gamingindustrie bringt viele tolle Spiele hervor, es passiert aber auch viel Murks. Aktuellstes Beispiel: Sony und Microsoft. Was genau passiert ist und wie symptomatisch die Geschichten für die im Monetarisierungswahn befindliche Gamingwelt ist, erzähle ich euch in diesem Meinungsbeitrag.
Ich liebe Gaming. Ich mag auch die Gamingindustrie, ich bin ja selber Teil von ihr. Früher durch Radiobeiträge, heute durch Blogartikel. Aber es gibt so Wochen, da gibt mir diese Industrie das Gefühl, dass ich meinen Kopf einfach nur ganz fest gegen irgendeine Wand schlagen möchte…und diese Wochen häufen sich in letzter Zeit echt an.
Seit über einem Jahr erleben wir einen regelrechten Exodus in der Gamingwelt. Eine Industrie, die von Jahr zu Jahr neue Umsatzrekorde feiert und trotzdem den Hals nicht voll bekommt. Zehntausende Jobs die gestrichen werden, Leute die von heute auf morgen auf der Straße sitzen, während sich die großen CEOs gefühlt eine Yacht nach der anderen kaufen und in kurzen, von PR-Phrasen durchsetzen ChatGPT-Schreiben ihr Bedauern bekunden, weil man leider schon wieder 100 Personen entlassen muss. Denn schließlich muss man das Unternehmen ja “streamlinen”, man will “Arbeitsprozesse optimieren”. Interessanterweise betreffen diese Optimierungen aber nie die Führungsriegen, sondern immer nur die Grafiker*innen, Designer*innen, Playtester*innen, Codierer*innen. Kurz gesagt, die Leute, die wirklich die Games bauen, die wir so lieben und die durch Crunch, schlechte Bezahlung und Schikane eh schon alle erdenklichen Opfer erbringen, um ihre kreativen Visionen umzusetzen und diese Industrie zu bereichern.
Aber ich drifte ab. Diese Woche hat wieder einmal gezeigt, wie weltfremd die CEO-Riegen der großen Gaming-Publisher gegenüber ihrem eigenen Medium mittlerweile sind und sie jeglichen Kontakt zu den Spielenden und deren Wünschen verloren haben, sie quasi gar nicht mehr verstehen.
Zuerst versucht Playstation der gesamten Helldiver 2 Community einen PSN-Accountzwang auf dem PC anzudrehen, bemerkt dabei aber nicht (oder nimmt es im schlimmsten Fall auch einfach in Kauf), dass sie ihren PSN-Dienst in weit über 100 Regionen dieser Welt gar nicht anbietet. Ohne PSN-Account kein Helldivers 2 mehr, ganz schön blöd für große Teile der weltweiten Spieler*innen. Offizielle Begründung: Wir wollen unsere Spieler*innen vor Grieving und toxischem Verhalten schützen und brauchen die PSN-Verknüpfung daher ganz, ganz dringend, wir machen das wirklich nur für euch und eure Sicherheit! Es geht ganz bestimmt nicht darum, Daten zu sammeln und mehr Leute in unser PSN-Ökosystem zu bekommen.
Doch die Helldivers 2-Community wusste sich zu wehren und die Bewertungen auf Steam rauschten in den Keller. Valve solidarisieren sich mit den Spieler*innen, bot allen einen Refund an und am Ende wurde sogar der Verkauf auf Steam zeitweise gestoppt. Auch das Entwicklerstudio war von der Situation natürlich nicht begeistert und zeigte Verständnis für die Aktionen der Community.
Der entstandene Ausnahmezustand zeigte Wirkung und Sony strich den PSN-Zwang von der Agenda. Die Verknüpfung kann also gar nicht so wichtig gewesen sein, wie sie uns verkauft wurde. Woraufhin sich die Frage stellt: Was für eine dämliche Entscheidung war es eigentlich, diesen Zwang überhaupt in Erwägung zu ziehen? Dachte man wirklich, ein großer Teil der Community wird einfach sagen “joa, bei mir gibt’s kein PSN, da kann ich Helldivers 2 wohl nicht mehr spielen…bisschen blöd, aber kann man nichts machen, höre ich halt auf”. Das zeigt doch, dass da Leute nicht nur die Community nicht verstehen, sondern allgemein überhaupt keine Ahnung und/oder Passion für Gaming haben. Würde ja auch keiner sagen “joa, den Dienstwagen kannst du jetzt nicht mehr benutzen, für die Tür brauchst du einen bestimmten Account, den wir hier nicht anbieten…tja dumm gelaufen, schönen Tag noch”.
Während Sony also auf dem besten Weg war, sich so richtig schön in den Fuß zu schießen, hat sich am Ende doch noch der Verstand durchgesetzt und sie kommen mit einem Streifschuss davon. Also alles gut, die Gaming-Community hat gewonnen, der Friede ist wiederhergestellt und alle liegen sich jubelnd in den Armen? Haha, wir fangen gerade erst an!
Als Gaming-Fan musste man sich in letzter Zeit ja an diverse schlechte Nachrichten gewöhnen. Kaum ein Tag verging, an dem nicht wieder irgendwo Entwickler*innen entlassen wurden, teilweise sogar ganze Studios schließen mussten. Vor allem die Embracer Group war zuletzt das schwarze Schaf. Zuerst kaufte man unzählige Studios ein, nur um dann bei irgendwelchen shady Deals mit Saudi-Arabien so richtig abserviert zu werden und mit heruntergelassenen Hosen und leeren Händen dazustehen.
Aber anstatt die Führungsebene in die Verantwortung zu nehmen, wurden einfach alle möglichen Projekte gestoppt, Leute entlassen und Studios geschlossen. Der Publisher sollte “gestreamlined” und “optimiert” werden…und das geht anscheinend nur, wenn man mit dem Vorschlaghammer einfach alles wegbollert, was man nicht verkauft bekommt. Das Ende vom Lied: Embracer Group teilt sich in drei voneinander unabhängige Entitäten auf…das war es ja echt wert.
Der neue strahlende Stern am Wie-ruiniere-ich-die-Gamingindustrie-weiter-Himmel ist aber jetzt Microsoft! Letztes Jahr erst entspannt 10.000 Leute entlassen und für läppische 75,4 Milliarden Dollar Activision Blizzard kaufen, nur um dann Anfang des Jahres auch hier direkt mal 1.900 Leute vor die Tür zu setzen. Da macht sich jemand echt beliebt.
Jetzt legt man aber nach und schließt einfach mal 4 Studios, die man erst 2021 gekauft hat! Darunter sind aber nicht irgendwelche Studios, sondern Arkane Austin und Tango Gameworks! Und nichts gegen die anderen beiden Studios Alpha Dog Studios und Roundhouse Games, auch hier haben viele tolle Entwickler*innen gearbeitet. Aber die Schließung von Arkane und Tango ist einfach so ein Schlag ins Gesicht, sowohl für die Entwickler*innen als auch für die ganze Industrie.
Ok, Arkane hat mit Redfall vergangenes Jahr auch wirklich ins Klo gegriffen. Aber was will man hier auch anderes erwarten? Du kannst von einem Studio, dass sich auf singleplayer-orientierte immersive Sims spezialisiert hat, nicht erwarten, dass sie dir in kürzester Zeit ein gutes und hochwertiges Multiplayer-Service-Game zusammenbauen. Ich sage als Teamleiter einem 100-Meter Sprinter ja auch nicht “ach übrigens, nächste Woche läufst du einen Marathon…Top 10 schaffst du, ich glaube an dich” und dann verwundert sein, wenn der Läufer keuchend als Vorletzter durch die Ziellinie kriecht (und ihn dann feuern). Wir sprechen hier von einem Studio, das die Dishonored- und Prey-Reihe gemacht hat, beides hochgelobte Titel.
Ja, beide Reihen haben sich am Massenmarkt nicht unbedingt als Kassenschlager erwiesen, aber es waren super Spiele, die in ihrem Genre mit zu den besten Titeln gehören, die man hier finden kann. Bäm, von heute auf morgen einfach weg. Arkane Chef Dinga Bakaba hat völlig recht, wenn er kurze Zeit später schreibt, dass es sich wie ein verdammter Stich in die Magengrube anfühlt. Du kannst noch so gute Spiele machen, wenn dein Game nicht die nächste Cashcow ist, dann bist du für Microsoft einfach entbehrlich.
Das noch viel dramatischere Beispiel ist Tango Gameworks. Die haben letztes Jahr Hi-Fi Rush veröffentlicht. Ein Spiel, das nicht nur einfach gut war, sondern herausragend! So herausragend, dass es diverse Auszeichnungen gewonnen hat (ganze 5 Stück!) und für viele das Interesse am Music Games wieder entfacht hat. Aber auch hier scheint es egal zu sein, wie gut dein Spiel ist. Es zählt nur, wie viel Geld du machst…und Hi-Fi Rush machte anscheinend für Microsoft nicht genug. Also wird Tango Gameworks jetzt einfach geschlossen.
Für alle Entwickler*innen erzeugt das natürlich ein vernichtendes Bild. Egal wie gut deine Arbeit ist, egal wie kreativ oder einzigartig, egal wie viele Auszeichnungen du bekommst, bei Microsoft bist du nicht sicher! Von heute auf morgen kannst du vor die Tür gesetzt werden. Deine kreative Arbeit ist nichts wert. Wir wollen nicht, dass du tolle Spiele machst, bau gefälligst irgendwas zusammen, wodurch sich endlos Geld aus den Spieler*innen melken lässt. Was für ein unglaubliches Armutszeugnis Microsoft!
Zur Begründung heißt es übrigens, dass man sich auf “high-impact” Titel konzentrieren will. Also wahrscheinlich Titel wie Fallout und The Elder Scrolls. Sowohl Starfield als auch Redfall wurden von Microsoft schon als “high-impact” Titel gesehen, Hi-Fi Rush hingegen nicht…welches der Spiele wurde letztendlich hochgelobt und mit Awards ausgezeichnet? Keine gute Quote für Microsofts Verständnis von “high-impact” Titeln. Und ganz ehrlich, die Firma, die hinter Apple mit zu den größten und Umsatzstärksten Firmen der Welt gehört, muss also priorisieren und leider Studios schließen? Nicht, dass Microsoft dadurch noch pleite geht. Was ein Quatsch!
Klar, die Gaming-Sparte ist bei Microsoft nicht der Hauptfokus, die ganze Xbox Sache läuft so ein bisschen nebenbei (wodurch sich auch viele Entwicklungen der letzten Jahre teilweise erklären lassen), aber Microsoft ist nun wirklich nicht darauf angewiesen, Studios zu schließen, nur weil sie nicht durchgehende Gewinne einfahren. Man hätte wenigstens den Anstand haben können, die Studios zu verkaufen. Es gibt viele Publisher, die sowohl Arkane als auch Tango Gameworks mit offenen Armen empfangen hätten. Aber stattdessen schließt man die Studios lieber, nicht, dass andere Publisher mit denen noch Geld verdienen. Stattdessen machen wir lieber alles dicht und setzen jeden einzelner kreativen Kopf vor die Tür.
Microsoft schafft es aber sogar noch weiter Mist zu bauen. Nur einen Tag nach den Ankündigungen rund um die Studioschließungen sagt Xbox Games Studios CEO Matt Booty allen Ernstes, man brauche kleinere Spiele, die Microsoft Prestige und Awards bringen…einen Tag nachdem man das Studio von Hi-Fi Rush schließt?!?! Das ist doch an kognitiver Dissonanz echt nicht mehr zu toppen.
Aber Matt Booty hat mit seiner Aussage ja eigentlich recht. Microsoft hat sich die letzten Jahre auf den Ausbau seines Game Pass Konzeptes fokussiert und gerade dafür braucht es kleinere Titel. Spiele, die man sich vielleicht nicht unbedingt kauft, aber denkt “hey, das sieht interessant aus und es ist eh im Pass, ich schaue mir das mal an”. Wie jeder andere Abo-Anbieter braucht auch Microsoft ein großes, diverses Portfolio. Eine große Anzahl an unterschiedlichen Spielen, damit auch eine diverse Gruppe an Interessenten das Angebot nutzt und eben nicht nur eine kleine, eingeschworene Minderheit, die das eine große Spiel im Game Pass für ein paar Monate spielt und dann das Abo aufgrund fehlender anderer Titel wieder abbestellt.
Es ist also absolut unverständlich, warum Microsoft jetzt Studios schließt, die genau solche prestigeträchtigen Spiele erstellt. Anscheinend legt man das Vertrauen lieber weiter in Todd Howard, der nicht erst seit Starfield gezeigt hat, dass er aktuelle Spiele einfach nicht mehr versteht. Aber da ist er dann ja bei Microsoft eigentlich ganz gut aufgehoben.
Jetzt war Tango Gameworks aber nicht nur ein Studio, dass hervorragende und ausgezeichnete Spiele entwickelt hat, es war auch Microsofts einziges japanisches Entwicklerstudio. Auch hier zeigt sich, dass die Führungsriege von Microsoft entweder unter kognitiver Dissonanz, chronischer Vergesslichkeit oder vielleicht auch einfach nur Inkompetenz leidet.
Seit Jahren ist Microsoft bemüht, sich auch endlich in Japan zu etablieren. Das Heimatland von Sony und Nintendo ist für die Xbox kein leichtes Feld, die Verkaufszahlen sind gering und die letzten Xbox Konsolen spielen in Japan quasi keine Rolle. Mit einer großangelegten Offensive wollte man sich jetzt aber auch in Japan endlich einen Namen machen…indem man das einzige japanische Entwicklerstudio schließt, das man besitzt? Das macht nicht wirklich Sinn, trotzdem ist genau das der Fall. Welches japanische Entwicklerstudio (bzw. welches Entwicklerstudio insgesamt) wird sich nach diesem Move jetzt noch sagen “hey, ich gehe lieber zu Microsoft und nicht zu Sony”? Hoffentlich keines.
Was haben wir aus dieser Woche also gelernt? Wir als Community haben Macht, wir können Entscheidungen von Konzernen beeinflussen und sogar rückgängig machen, wenn wir konsequent dafür kämpfen. Entwickler*innen stehen in der Regel auf unserer Seite, auch sie sind mit CEO-Entscheidungen häufig nicht zufrieden und wollen einfach ein cooles, kreatives Spiel entwickeln. Wir sollten uns also viel häufiger mit ihnen zusammenschließen und uns gemeinsam dafür einsetzen, dass sich diese Industrie weiterhin um kreative Games bemüht und nicht um leblose Service-Games, die einfach nur schnell viel Geld generieren sollen.
Gleichzeitig zeigt diese Woche aber auch erneut, dass die Führungsriegen der meisten großen Publisher kein Interesse an guten Spielen und an einzigartigen Kunstwerken haben. Sie interessieren sich für Entwickler*innen genauso wenig wie für uns als Community. Es dreht sich am Ende alles immer nur um Geiz, wie man noch mehr Geld rausholt, noch konsequenter die Spieler*innen melkt. Es ist egal, ob ein Studio gute Spiele macht, sie sind einfach nur dafür da, um so viel Geld wie möglich zu generieren, danach werden sie fallengelassen. Es gibt keine Sicherheit, von heute auf morgen kannst du als Entwickler*in auf der Straße sitzen, auch dann, wenn du ausgezeichnete Spiele entwickelst. Diese Industrie interessiert sich nicht für dich, sie interessiert sich nicht für die Kunst, die du machst. Sie interessiert es nicht, unter was für Arbeitsbedingungen du schuftest, ob deine Beziehung in die Brüche geht, weil du nur noch auf der Arbeit bist, ob du psyschich krank wirst, weil du über Monate 80-Stunden Wochen schiebst. Du wirst ausgelutscht und dann durch die nächste arme Seele ersetzt.
Die Gaming-Industrie zeigt immer deutlicher, wie krank sie mittlerweile ist und das sie nicht nachhaltig existieren kann, wenn sie weiter so verantwortungslos mit den kreativen Schaffenden umgeht und in Spielen am Ende nichts weiteres sieht, als eine plumpe Möglichkeit, mit dem kleinsten Aufwand das meiste Geld zu generieren. Es braucht dringend Veränderung!
Wayne Achten